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Sonderfall Vectoring

Vectoring: Brückentechnologie bis zum Glasfaserausbau

Seit Jahren folgen Projekte zum Breitbandausbau in ländlichen Räumen einem Schema. Beihilferecht und Förderleitfaden legen die Prozessschritte für die Durchführung mehr oder weniger fest. Verkürzt dargestellt ist danach zunächst eine Befragung bei Haushalten und Betrieben in den unterversorgten Gebieten zur Ermittlung des vorhandenen Bedarfs erforderlich, deren Ergebnis nur als Anlage zum Förderantrag erforderlich ist, ansonsten aber unnötig. Dann folgt die Markterkundung, um Anbieter zu suchen, die bereits eine Planung vorliegen haben und in den nächsten 36 Monaten einen Ausbau ohne Zuwendungen beabsichtigen. Wenn sich kein Anbieter mit einem qualifizierten Konzept meldet, kann die Kommune Marktversagen feststellen und darf den Ausbau in den unterversorgten Gebieten ausschreiben. In den ersten sieben Jahren der Durchführung von Projekten zum Breitbandausbau durch STZ-Consulting, hat sich kein Anbieter während der Markterkundung ein qualifiziertes und nachhaltiges Ausbaukonzept gemeldet, das ohne Zuwendungen umgesetzt werden konnte. Die Markterkundung war mehr oder weniger ein proforma notwendiger Schritt zur Ausschreibung.

Mit der Vectoring-Technologie haben sich die Spielregeln verändert. Eigentlich handelt es sich bei Vectoring „nur“ um eine Weiterentwicklung von VDSL mit einer effizienten Störsignalunterdrückung und Downstream-Geschwindigkeiten von bis zu 100 Mbit/s. Die Vectoring-Technologie schafft aber auch die Voraussetzung zur Realisierung eines all-IP Netzes und ermöglicht die Abschaltung des alten analogen Telefonnetzes. Dies ermöglicht erhebliche Einsparungen bei den Betriebskosten und die Stilllegung einer Reihe von Ortsvermittlungsstellen samt einer neuen Nutzung der Liegenschaften.

Weitere Einsparpotenziale ergeben sich durch den Wegfall von ADSL- und VDSL-Portkarten in den Verteilerschränken. Ein Wechsel von ADSL auf VDSL kann zukünftig remote in der Netzleitzentrale geschaltet werden, ohne dass ein Techniker vor Ort umklemmen müsste. Die bisher starr an die Versorgungs- und Zuführungsrichtung gekoppelte Vorwahlnummer wird zukünftig unabhängig, so dass der jeweils günstigste Weg zur Zuführung der Bandbreite genutzt werden kann. Vectoring bietet somit eine Reihe von unbestreitbaren Vorteilen für die Betreiber und es verwundert daher nicht, dass seit Ende 2013 alle neuen Bauprojekte in MSAN-Technik (Multiple-Service-Access-Node) ausgeführt werden, die für Vectoring benötigt wird. Auch bestehen weitgehende Pläne, um große Teile der Anschlussbereiche bis 2018 auf Vectoring umzustellen. Eine Begleiterscheinung des Vectoring-Ausbaus ist die Betrachtung eines gesamten Anschluss-Bereiches anstatt wie bei ADSL und VDSL einzelner Kabelverzweiger. Nur bei Ausbau nahezu aller (in der Regel 90 bis 95%) der Kabelverzweiger ergibt sich der gewünschte Effekt und alle Kabelverzweiger erreichen den für eine Umstellung auf all-IP erforderlichen Wert von 16 Mbit/s. Durch die Einbeziehung aller Kabelverzweiger eines Anschlussbereiches in die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung werden auch solche Verteilerschränke überbaut, deren Umbau für sich alleine gesehen unwirtschaftlich wäre. Dies schließt auch Kabelverzweiger ein, die selbst bei Gewährung einer Beihilfe für sich alleine im laufenden Betrieb unrentabel wären.

 Nachteile der Vectoring-Technologie

Die Versorgung einer Kommune mit Vectoring kann zum einen die Bandbreite signifikant erhöhen und zum anderen auch in Randlagen deutliche Verbesserungen bringen, die bislang aufgrund der bisherigen Kalkulation für einen Ausbau bezogen auf einen einzelnen Kabelverzweiger unwirtschaftlich und benachteiligt waren. Bei Wirtschaftlichkeitsberechnungen über ein komplettes Anschlussgebiet können diese bisher benachteiligten Gebiete von Vectoring profitieren. Allerdings ergeben sich auch technisch bedingte Restriktionen. Zunächst bedingt eine höhere Downstream-Gechwindigkeit eine höhere Übertragungsfrequenz. Da Kupfer mit steigender Frequenz immer schlechter durchlässig wird, sinkt die Reichweite für die Nutzung einer maximalen Geschwindigkeit von ca. 3.000 Meter bei ADSL über ca. 1.500 Meter mit VDSL auf nur noch 600 Meter mit Vectoring. In Ballungsgebieten mit verhältnismäßig kurzen Anschlussstrecken zwischen Verteilerkasten und Hausanschluss stellt dies meist kein Problem dar. Mit abnehmender Bevölkerungsdichte und längeren Strecken, wie es im ländlichen Raum eher die Regel als eine Ausnahme ist, kann dies eine Einschränkung der maximalen Geschwindigkeit bedeuten. Trotzdem ergibt sich in der Regel eine deutliche Verbesserung gegenüber der Situation ohne einen Vectoring-Ausbau.

Neben der höheren Dämpfung und damit sinkender Reichweiten ergibt sich ein nicht unerheblicher Nachteil durch die Störsignalunterdrückung in einem mit Vectoring ausgebauten Anschlussbereich. Dabei ergibt sich, dass nur noch ein Betreiber in einem Outdoor-DSLAM vertreten ist. Eine Kollokation im Kabelverzweiger ist somit bei Vectoring ausgeschlossen. Um allen Anbieter weitgehend gleiche Chancen zu ermöglichen, werden bei der Bundesnetzagentur Listen geführt, in denen Netzbetreiber Kabelverzweiger für sich reservieren können. Dieses „Windhund“-Prinzip ermöglicht den Betreibern, ihre Claims abzustecken und die Kabelverzweiger exklusiv für sich zu nutzen. Für den Fall, dass ein Betreiber erst mal großzügig Kabelverzweiger für sich reserviert, die er aus Kapazitätsgründen gar nicht zeitnah anschließen und überbauen kann, werden von der Bundesnetzagentur Pönalen in Höhe von € 1.000 pro Kabelverzweiger erhoben, der nicht innerhalb von einem Jahr überbaut wird.

Ist das „Windhund“-Prinzip für sich schon mal ungewöhnlich als Regulierungsinstrument, so wird der Wettbewerb durch den Ersatz des Nebeneinander-Arbeitens mehrerer Netzbetreiber in einem Verteilerschrank durch das „Highlander“-Prinzip ersetzt. Zwar ist Wettbewerb immer noch möglich, aber nur noch auf der deutlich unattraktiveren Bitstream-Ebene. So führt der Einsatz des technisch fortgeschrittenen Vectorings zu einer faktischen Remonopolisierung des Anschlussnetzes und somit dem Gegenteil der mit dem Prinzip des offenen Netzzugangs verfolgten Intensivierung des Wettbewerbs. Diese Remonopolisierung ist auch der Grund dafür, dass Vectoring bislang nicht als zuwendungsfähig angesehen wird. Konsequenterweise sollte dies auch weiter beibehalten werden. Eine Folge ist, dass für einen Vectoring-Ausbau keine Deckungslücke von den Kommunen gefordert werden kann. Eine andere Folge mit negativer Auswirkung wird aber wohl auch sein, dass Gebiete, die in den letzten Jahren mithilfe von Fördermitteln ausgebaut wurden, während der 7- oder 14-jährigen Zweckmittel-Bindefrist nicht auf Vectoring aufgerüstet werden können. Auch erscheint es fraglich, ob in den nächsten Jahren ganze Anschlussbereichen mit Vectoring ausgebaut werden, wenn Teil-Bereiche mithilfe von Fördermitteln versorgt wurden.

 Auswirkungen von Vectoring auf das Marktgeschehen

Aufgrund von Vectoring gibt es seit der zweiten Jahreshälfte 2013 vermehrt Markterkundungsverfahren mit einem Angebot für einen hochwertigen Ausbaus nach dem Fiber-to-the-Curb (FttC) Ansatz ohne Zuwendung. Damit ist das Breitbandprojekt für das ausgeschriebene Gebiet erfolgreich beendet, ein Auswahlverfahren und ein Förderantrag entfallen und der kommunale Haushalt wird entlastet. In den letzten Jahren konnte man gerade bei länger laufenden Projekten häufig beobachten, dass bei ein und demselben Vorhaben die Deckungslücken mit faszinierender Geschwindigkeit gestiegen sind. Bei Projekten, die durch fehlenden Feststellung des kommunalen Haushalts oder fehlende Fördermittel über die Bindefrist hinausgingen, lassen sich rechnerisch Steigerungsraten von 20% pro Monat(!) ermitteln. Es ist daher eine gute und zu begrüßende Entwicklung, dass der bisherige Trend regelmäßig steigender Deckungslücken mit Vectoring zunächst beendet ist.

Auch bei Deckungslücken in Auswahlverfahren kommt es nun zu teilweise erheblichen Änderungen nach unten, die nicht nur den städtischen Haushalt erheblich entlasten, sondern auch den Ausbau in Gebieten ermöglichen, in denen ein großflächiger Ausbau vorher nicht möglich gewesen wäre. Ein Beispiel hierzu ist der Ausbau in der Stadt Wegberg, der sogar deutlich über die Beseitigung unterversorgter Regionen hinausgeht. Während bislang aufgrund der engen Möglichkeiten im Rahmen des Beihilferechts und der Förderprogramme Flickenteppiche in der Versorgung die Folge waren, die gelegentlich die digitale Spaltung zwischen gut und schwach versorgten Gebieten sogar verstärkt haben. Da Kommune nur für unterversorgte Gebiete mit weniger als 2 MBit/s eine Deckungslücke zur Verbesserung der Versorgung gewähren können, erreichen diese unter Umständen nach einem Ausbau 50 MBit/s und die nicht unterversorgten Nachbarorte mit vielleicht 3 MBit/s blieben auf dem alten Stand. Ob es sich schon um einen längerfristigen Paradigmen-Wechsel im Breitbandausbau handelt, bleibt abzuwarten. Ebenso kann die Einführung von Vectoring mit den hiermit verbundenen Restriktionen durch eine großflächige Versorgung bei gleichzeitig erheblichen Einsparungen bei den Betriebskosten mitwirken. Für die ländlichen Kommunen ist es von erheblichem Vorteil, wenn sich die beobachteten Effekte als Trendwende erweisen würden. Die fast überall klammen kommunalen Haushalte könnte entlastet und die letztlich aus Steuergeldern finanzierten Förderprogramme zurückgenommen werden. Letztlich aber würde es erstmals zu einer in der Fläche homogeneren Versorgung und einem Abbau der digitalen Spaltung führen.

Wesentlich weniger positiv sehen die Auswirkungen eines Vectoring-Ausbaus für kommunal oder privatwirtschaftlich finanzierte Vorhaben zum Aufbau von Glasfaser-Anschlussnetzen (FttB oder FttH) aus. Der weitgehend flächendeckende Ausbau in einem Anschlussbereich sorgt dafür, dass kaum noch schwach versorgte Gebiete übrigbleiben, die ein primäres Ziel für einen FttB-Ausbau wären. Mit der niedrigen Wechselbereitschaft sowohl von Privathaushalten als auch von Gewerbebetrieben fällt es einem neuen Infrastrukturbetreiber schwer ein ausreichendes Kundenpotenzial zu gewinnen. Mit niedriger „Take-up-Rate“ für ein neues Anschlussnetz verschiebt sich die Amortisation weiter in die Zukunft. Zudem sinkt auch das Interesse von Dienstebetreibern, sich in einem solchen Anschlussbereich zu betätigen. Bereits begonnene FttB-Projekte geraten ins Stocken, müssen zeitlich gestreckt werden oder finden keine Investoren mehr. Für die Geschwindigkeit des Aufbaus von in der Zukunft unumgänglichen Glasfaser-Anschlussnetzen könnte Vectoring fatale Folgen haben und dann später wieder zur Notwendigkeit des Einsatzes erheblicher öffentlicher Mittel führen.

 Wie Kommunen vom Vectoring-Ausbau profitieren

Grundsätzlich planen die Netzbetreiber den weiteren Ausbau aufgrund ihrer eigenen Kriterien, wie z.B. nach der Erwartung für das Kundenpotenzial, aufgrund der Wettbewerbssituation oder der möglichen Einsparungen für die Betriebskosten. Auf diese Kriterien und die Bewertungen der Netzbetreiber haben die Kommunen kaum Einfluss. Aber sofern eine Kommune durch Eigeninitiative zeigt, dass vielleicht ein besonders hoher Bedarf vorhanden ist, durch entsprechende Unterstützungsleistungen von Seiten der Verwaltung der Infrastrukturaufbau erleichtert oder beschleunigt werden kann, so hat dies möglicherweise Einfluss auf die Planungen und die Prioritäten für einen Ausbau. Daher sollten sich die Kommunen vor dem Hintergrund des Vectoring-Ausbaus erst recht und mit vielleicht größeren Erfolgschancen mit der Breitbandversorgung auseinandersetzen und entsprechende Projekte starten. Sofern nach den bisherigen Aktivitäten zur Verbesserung der Grundversorgung mit mindestens 2 Mbit/s noch „weiße“ NGA-Flecken mit weniger als 30 Mbit/s verblieben sind, kann es erfolgversprechend sein, eine öffentliche Markterkundung durchzuführen. Manche Netzbetreiber äußern sich erst dann zu den bestehenden Ausbauplanungen, wenn es eine öffentliche Markterkundung gibt. Nach wie vor gilt, dass eine Verbesserung der Breitband-Infrastruktur ohne Anstoß und aktive Bemühungen der Kreise und Kommunen dem Zufall überlassen bleibt. Das Geschäftsmodell für den Breitbandausbau ohne eigene Infrastrukturverlegung wurde von Dr. Kaack als "Motivation der Netzbetreiber" bezeichnet.

In manchen Fällen führt eine Markterkundung zu einem Eigenausbau durch einen Netzbetreiber. Beispiele hierfür finden sich in meiner aktuellen Projektarbeit der letzten Monate. Vor der Markterkundung muss eine Befragung bei Haushalten und Betrieben in dem jeweiligen Untersuchungsgebiet durchgeführt werden, sofern von einem zu stellenden Förderantrag ausgegangen wird. Nach der NGA-Rahmenregelung kann die Befragung auch entfallen und da ein Vectoring-Ausbau nicht zuwendungsfähig ist, entfällt ein späterer Förderantrag. Dann kann auch auf eine Befragung im Vorfeld verzichtet werden. Die Aussagekraft der Befragungsergebnisse ist so oder so fraglich und selten repräsentativ, so dass der Entfall keinen zu großen Inforamtionsverlust darstellt. Zudem weckt eine breite Befragungsaktion Erwartungen, die nicht in allen Fällen zeitnah erfüllt werden können. Die Netzbetreiber stehen beim Vectoring-Ausbau im Wettbewerb zueinander. Nicht nur die Deutsche Telekom rüstet ihre Netze mit Vectoring auf, auch andere Betreiber wie z.B. NetCologne, EWE-Tel, VSE-Net oder inexio nutzen die Technologie und es kann eben nur einen Vectoring-Betreiber in einem Anschlussbereich geben. Daher kann es sich für Kommunen lohnen, neben der Veröffentlichung der verschiedene Netzbetreiber direkt anzusprechen.

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